Alles hat seine Zeit und alles braucht seine Zeit – eigentlich. Aber diese

Zeit wird immer schneller – im tatsächlichen Leben, im Umgang mit Menschen und Tieren und in der Wortwahl sowieso. Das spüre ich in meinem Leben und auch in meiner Arbeit sehr oft. Da ist ein Tier schon Wochen oder sogar Monate lang krank, alles mögliche wurde bereits probiert und jetzt liegt die große Hoffnung auf dem (schnellen) Erfolg einer homöopathischen Behandlung.

Ich nehme mir Zeit – für eine Erstanamnese ungefähr 1 bis 1 ½ Stunden. Ich stelle viele Fragen, ich nehme das Tier wahr, berühre es, finde das homöopathische Mittel, welches am Besten passt. Ich erkläre, welche Reaktionen auftreten könnten, aber nicht unbedingt müssen und wie die Homöopathie wirkt. Manchmal wirkt ein Mittel extrem schnell, innerhalb weniger Stunden oder Tage. Und manchmal braucht es Zeit: je länger eine Krankheit besteht, desto länger kann die Heilung dauern und auf dem Weg dorthin können alte Krankheiten wieder akut werden, um dann endgültig abzuheilen. Je nach Potenz lasse ich die Mittel dann auch mal länger und in Ruhe, ihre Arbeit tun’. Und höre dann: also vor einer Woche hat mein Tier jetzt das Mittel bekommen, warum tut sich da denn jetzt nichts. Dann nehme ich mir noch mal Zeit und erkläre: dass ich nicht jeden Tag ein anderes Mittel geben kann, dass ich nicht nach einer Woche ein Mittel wiederholen möchte, zeige auf, dass es doch bereits Veränderungen gab, aber halt Schritt für Schritt und nicht ‚Peng’ auf einmal ist alles gut.

Die Tierhalter meiner Patienten sind glücklicherweise überwiegend geduldig und der Erfolg gibt dem ‚Zeit lassen’ recht. Und sich Zeit lassen, bzw. sich Zeit geben, sollte man auch im Umgang mit seinen Tieren. Wenn ein Tier neu ins Haus kommt, muss es sich erst einmal orientieren. Es braucht Zeit, uns zu beobachten und Zeit um zu erkennen, wie der Tagesablauf bei uns ist und Zeit, zu lernen, was wir von ihm erwarten. Ich erziehe keinen Hund in 4 Wochen, selbst wenn es ‚eigentlich ein ganz Lieber, aber…’ ist oder megaintelligent. Ein Tier braucht Zeit für seine Entwicklung – so wie wir auch. Und gemeinsam brauchen unser Tier und wir richtig viel Zeit, um eine Beziehung aufzubauen (finde ich übrigens viel viel wichtiger, als dass der Hund gleich sitz, platz und bleib kann), um Vertrauen zu fassen und uns in unserem gemeinsamen Leben einzurichten.

Die Jahre bringen Veränderungen in unserem Leben, und auch für diese Veränderungen brauchen wir Zeit. Wir gehen mit unserem Hund durch die Welpenzeit, die Rüpelzeit und und und …und dann kommt die Zeit des Älterwerdens, da braucht es sowieso noch mal mehr Zeit – bei Menschen und Tieren.

Mir kommt es so vor, als wäre es in unserer jetzigen Zeit absolut wichtig, möglichst alles gleichzeitig zu tun: Mails bearbeiten und dabei die Katze streicheln, mit dem Hund rausgehen und über das Handy unsere Termine zu besprechen, selbst beim Ausreiten mit dem Pferd werden vom Sattel aus wichtige Gespräche geführt. Wenn ich mit Hundehaltern ‚Menschen-und-Hunde-Training’ mache, dann nehme ich mir auch Zeit: ich zeige, was der Hund mit seiner Körperhaltung ausdrückt, was er mitteilen will, was seine Reaktionen auf bestimmte Situationen bedeuten. Aber auch wenn es eine ‚Hundesprache’ gibt, gibt es unter Hunden Unterschiede im Ausdruck. Und wenn ich mir nicht die Zeit nehme, dies zu beobachten, dann lese ich ein Tier falsch und dann kann ich die Situation nicht verbessern, sondern verschlimmere sie u.U. noch durch eine Fehlinterpretation. (Das wäre dann die vergeudete Zeit.) Wenn mir ein Mensch sagt: mein Hund macht draußen bei anderen Hunden ‚blöd’, dann nehme ich mir die Zeit und schaue zuerst einmal, wie sich der Hund denn zu Hause in seinen vier Wänden verhält. Das ist wichtig, weil ich vom Verhalten drinnen auch auf das Verhalten draußen schließen kann. Und wenn wir Dinge drinnen verändern, kann sich das auf das Verhalten draußen positiv auswirken.

Ich gebe aber auch zu, dass ich höllisch aufpassen muss, um mich nicht mit dem ‚Alles-gleichzeitig-erledigen-können-müssen-Virus’ anstecken zu lassen. Da gibt’s jetzt nämlich jetzt nicht gerade mal ein Globuli dagegen, da liegt es an mir, darauf zu achten, dass ich mich nicht mit meinem Auto an jemandem vorbeiquetsche, der gerade nicht auf Anhieb in seine Parklücke passt und dass ich nicht vor dem Fahrradfahrer noch schnell über die Straße laufe oder ungeduldig mit dem Fuß tapse, wenn der Mensch vor mir an der Kasse sein passendes Kleingeld nicht schnell genug aus dem Geldbeutel klaubt.

Dabei hilft mir aber sehr, dass ich mich in die Situationen hineinversetzen kann: ich werde sauer und extrem gestresst, wenn Mitmenschen rücksichtslos mit einem Affenzahn an mir mit Fahrrad oder Auto vorbeidonnern, mir den Einkaufswagen in die Fersen rammen, mich – den Blick fest auf ihr Handy gerichtet – einfach umrennen und keine Zeit haben Entschuldigung zu sagen (ihnen aber genügend Zeit bleibt um ein ‚Mensch pass doch auf’ über die Lippen zu bekommen).

Um das mal schnell alles kurz zusammen zu fassen: lassen Sie sich Zeit, setzen Sie sich nicht dauernd selber unter Druck und denken Sie immer daran: alles hat seine Zeit, alles braucht seine Zeit und auch Tim Bendzko hat es nicht geschafft, nur mal kurz die Welt zu retten.

Sept 2017 Överkalix 189

Mehr Beiträge zum Thema Zeit gibt es auch in der Blogparade: http://emotures.de/allgemein/blogparade-endlich-zeit-finden

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